Gastvereine/Fliegerlager

Faszination Fliegen – eine Woche auf der Wasserkuppe

Wir schreiben Sonntag, den 22. August, unendliche Weiten liegen vor uns... ein Tagtraum? Nicht ganz! Unsere kleine Fahrzeugkolonne hat die Weiten des Vogelsbergs mit dem malerischen See unweit des Hoherodskopf hinter sich gelassen und fährt hinter Fulda in den weitläufigen Anstieg der Rhön. Unser Ziel: Die Wasserkuppe, der Berg der Flieger!

Wir, das sind Antonio, Erik, Jens, Sascha und Iceman, wie die Jungs mich gelegentlich so nennen. Und auch nicht zu vergessen, Martin aus Riedelbach, den wir bei unserem Nachbarverein für unseren kleinen Kurzurlaub begeistern konnten. Wir, die wir sonst in Laufenselden im Taunus dem Segelfliegen frönen, haben uns die „WAKU“ als Ziel ausgesucht, weil wir uns einer neuen fliegerischen Herausforderung stellen wollten oder ein Teil von uns die Rhön schon kennen und schätzen gelernt hat. Wir wurden nicht enttäuscht – die „WAKU“ sollte uns all ihre Facetten zeigen. Trotz kleinerer Bedenken der Kollegen im Verein, schnaufte nun unser Zugfahrzeug mit der DG 500 des Vereins im Hänger unserem Ziel entgegen, gefolgt von den mit Flugmodellen vollgestopften Pkws der Kameraden. Poppenhausen, die Geburtsstätte der Schleicher-Segelflugzeuge hinter uns, 700m, 800m über dem Meer, noch ein paar Kurven, Abtsroda vor uns, die Kuppe in Sicht, da ist das „Peterchen“, 950m über NN, wir sind da. Es ist 21:15 Uhr, wir sind sehr verspätet, der Empfang im Hotel „Peterchens Mondfahrt“ ist, wie für mich gewohnt, sehr herzlich. Ich beziehe „mein“ Zimmer, den „Flieger“! Hier haben alle Zimmer Namen, meine Kameraden bekommen ihre gezeigt, rustikale einfache und günstige Zimmer, müdes Fliegerherz, was willst du mehr?

Montag:

Herrlicher Sonnenschein weckt uns, auf der „WAKU“ steht man gerne früh auf, ein ausgiebiges Frühstück mit allem Komfort, dann schnell zum Briefing in die „Segelflugschule Wasserkuppe“. Briefing findet hier täglich um 09:00 Uhr statt, die Neuankömmlinge werden herzlich begrüßt und sehr professionell in die Besonderheiten des Fliegens hier am Berg eingewiesen. Aktuelle Wetterdaten, Satellitenbilder, Trainingsstand, Streckenvorhaben, Außenlandegelände – hier wird dir geholfen! Wir rüsten „unser“ Flugzeug auf, personale Schubumkehr zur Startpiste 06, wer seinen Flieger liebt, der schiebt! Oder wieso heißt das Flugsport? Und wozu sind diese Holzkeile überall auf der Asphaltpiste? Man bekommt Aufklärung, wir starten bergab und mit einem Keil vor dem Hauptrad, braucht man nicht bremsen; er wird beim Anziehen dann überrollt. Die obligatorischen Einweisungsstarts für die Scheininhaber unter uns gehen per Flugzeug-Schlepp, hinter „Remorqueur“ oder „Pelikan“, jeweils auf 500m QFE. Man findet sich schnell zurecht, die Landschaft ist markant; Sendemast Schafstein, Kreuzberg, Palettenfabrik, Fliegerdenkmal, Poppenhausen, die Radarkuppel – unendliche Weiten, das Panorama der Rhön begeistert... ein Tagtraum? Nein, aber Zeit ans Landen zu denken, Fuldaquelle, 200m QFE, wir gehen in den Gegenanflug zur Piste 24. Im Schlepp ging es vom Asphalt bergab in die Luft, gelandet wird im Segelflug heute bergauf im Gras. Das ganze ist ab dem Queranflug für Flachländer recht flott, wir biegen zackig um die Waldkante ins Endteil. An den Boden fliegen, parallel zur Steigung der Bahn zügig abfangen, die Fahrt baut schnell ab. Touch-Down, es rumpelt ein bisschen, englischen Rasen habe „ich“ hier diesmal nicht getroffen, wir rollen aus und schon kommt ein netter Traktorist, um uns abzuholen. Nun können unsere mitgereisten Flugschüler bei uns auf dem hinteren Sitz Platz nehmen, hinten, weil leider keiner unserer Fluglehrer im geplanten Zeitraum für uns verfügbar war. Trotzdem, auch bei ihnen Begeisterung für die grandiose Landschaft, den Reiz des Neuen und nicht zuletzt ein Schnuppern an der Bergfliegerei. Wir zeigen ihnen die im Ernstfall doch sehr wichtigen Außenlandefelder, sie gewöhnen sich an die ungewohnte Topografie, erleben ihren ersten Hangflug. Sogar ein Flug über rund 20 Minuten auf konstant 400m QFE und auf einer geraden Strecke von ca. 6 - 7 Kilometer, ist heute, bedingt durch den starken Westwind mit 20 Knoten, in einer Leewelle möglich. Am Abend sitzen wir dann im „Peterchen“ mit den Rüdesheimer Segelfliegern zusammen. Welch’ glückliche Fügung, der Nachbarverein ist in derselben Woche wie wir auf der „WAKU“ zu Gast. Man tauscht sich aus, spinnt bei einem gepflegten Kreuzbergbier Fliegergarn und lässt die schönen Erlebnisse des Tages Revue passieren. Geschlafen haben wir dann alle bestens.

 

Dienstag:

Ein pfeifendes Geräusch am Fenster weckt mich, Sonnenschein dringt in die Zimmer. Der Wind hat stark aufgefrischt, die Wasserkuppe zeigt heute ihr ruppiges Gesicht. Da zum Nachmittag bis zu 70 km/h Wind prognostiziert sind, ruht heute der manntragende Flugbetrieb. Wir entschließen uns, dem hervorragenden Segelflugmuseum einen Besuch abzustatten. Nach einer langen Besichtigung der Ahnenreihen des Segelfluges und der nicht minder interessanten Abteilung Modellflug, denken wir darüber nach, ob wir das Hangfliegen mit unseren Nurflügelmodellen bei „dem Wind“ wagen wollen. Wir wollen, auch wenn eine Truppe Jugendlicher des DMFV (Dt. Modellfliegerverband) uns offensichtlich ohne Modelle auf den Hang am Fliegerdenkmal folgt, in der frohen Erwartung, dass es, ob der Einschläge, gleich etwas zu lachen gibt. Wir haben sie wohl enttäuscht, denn wir haben nichts kaputt gemacht und hatten unseren Spaß. Leider gingen unsere Zuschauer und kamen nicht mit ihren Modellen wieder, wir hätten gerne mit ihnen zusammen ein bisschen Combat geflogen. An einem der nächsten Tage haben sie uns gezeigt, dass sie dies ganz ordentlich können – bei weniger Wind! Wir sind abends dann durchgefroren ins Bett gefallen.

 

Mittwoch:

Der Wind hat nachgelassen, Frühstück, Briefing, Jens hat sich erkältet. Merke: Die Wasserkuppe ist ein Berg, also immer schön warm anziehen, aber genauso das T-Shirt nicht vergessen! Die Bodenanker haben die an ihnen festgezurrte DG 500 trotz des „Sturms“ sicher gehalten; bitte nie vergessen, wenn ihr den Flieger aufgerüstet stehen lassen wollt – im Zweifel immer besser abrüsten und in den Hänger! Heute haben wir eine Basis von 700m über Kuppe, 4/8 Cumuli, 15 kt Wind. Reihum wird die DG 500 heute von uns besetzt und es ist eine Lust die Mischung aus Hang- und Thermikflug auszuprobieren. Wer nicht in der DG sitzt, vergnügt sich an einem der Modellflughänge, wo heute alles geht. Aus der Vogelperspektive unter uns: Modellflieger, Drachenflieger, Gleitschirme, ein buntes Treiben friedlich (meistens) nebeneinander; deshalb ist die Wasserkuppe auch gerade heute noch der „Berg der Flieger“!

 

Donnerstag:

Heute ist der Tag der Tage, starke Thermik gemeldet, schwacher Wind. Wir werden auf 500m geschleppt, die „Remo“ wackelt mit den Flächen, ausklinken... – der Tanz in der Thermik kann beginnen. Da sage einer Karussellfahren sei langweilig, andere Segelflugzeuge gesellen sich zu uns, Pulkfliegen in einem schönen großen Hammerbart; es geht mit integriert 3 m/s aufwärts. Wir schenken uns nichts und wir können mit unserem „Vereinsfliegerle“ gegen die Duos und Co. ganz gut mithalten. Martin ist im Funk zu hören, er macht nach der gestrigen Streckenflugeinweisung heute seinen 50 Kilometerflug mit einem Flugzeug der „Flugschule Wasserkuppe“, nachdem sein WAKU-Fluglehrer sich von seinen Qualitäten überzeugen konnte. Für ihn ein unerwarteter Quantensprung, zuhause hätte er wohl noch eine Weile darauf warten müssen. Später zeigt uns die Wasserkuppe, auf dem Rückweg aus der Nähe von Ostheim/Rhön, dann noch einmal die Zähne und eine weitere Facette: Der Himmel trocknete zusehends ab, es entstanden im Lee der Kuppe nicht unerhebliche „Sauflöcher“, die konzentriert und zügig durchflogen seien wollten, ohne sich mit vermeintlichen „Nullchen“ unterwegs zu „verbasteln“. Hierbei hilft der rechtzeitige Blick auf die ausreichend vorhandenen Außenlandeflächen im Vorfeld der Wasserkuppe, die man, wenn es eng wird, auch nutzen sollte. Für uns hat es gelangt, auch wenn wir, für WAKU-Verhältnisse niedrig, mit 110m QFE direkt via Queranflug in die Platzrunde einflogen. Der von uns per Funk angekündigte verkürzte Anflug, wurde wie immer von Harald Jörges, dem Flugschulleiter, professionell gehandelt und durch ein „Hans-Jörg, das passt schon!“ entstresst. Im Zweifel wären wir einfach ins Tal zum nächstgelegenen Außenlandefeld geflogen. That’s it!
Beim Abendessen dann, in der nahegelegenen schönen Kleinstadt Gersfeld, hatten wir alle viel zu erzählen: Besonders Martin, dem wir zu seinem erfolgreichen Flug gratulieren konnten.

 

Freitag:

Auch das ist die Wasserkuppe, wir geben den Unkenrufern Recht, es gibt hier „auch“, gelegentlich, schlechtes Wetter! Heute „hat“ es kalt und es kübelt aus Eimern. Macht aber nichts, Fulda ist nicht weit und wir lassen es uns in der dortigen Rhöntherme so richtig gut gehen. Schwimmen, Saunieren, das dortige Wellenbad ist durchaus ein Tipp und für hiesige Rhein-Main-Verhältnisse ein kostengünstiges Vergnügen.

 

Samstag:

Die Sonne lacht vom Himmel, aber es „hat“ mal wieder reichlich Wind. Unsere Meute geht deswegen lieber Modellfliegen, auch wenn die Flugzeuge der „Fliegerschule Wasserkuppe“ doch recht häufig ihre Kreise über uns hinwegziehen. Ich nutze den Nachmittag, um mit einem Fluglehrer der Fliegerschule eine Einweisung auf der HK 36 Dimona zu fliegen und anschließend mit ihm zu einem Überprüfungsflug nach JAR-FCL zu starten. Fluglehrer, auch bei Überprüfungsflügen, sollte man als Freunde betrachten. Sie können dabei helfen, kleinere oder auch größere fliegerische Unsicherheiten anzugehen. Um dann wieder, als ein „Stückchen“ besserer Flieger, zu landen.

 

Sonntag:

Wir schreiben Sonntag, den 29. August des Jahres 2007, unendliche Weiten liegen vor uns... ein Tagtraum? Leider, denn der schönste Urlaub geht einmal zu Ende. Wir haben unseren Flieger wieder schön eingepackt und treten die Heimreise via Bundesstrasse und den schönen Vogelsberg an; mit Hänger schöner als Autobahn und nicht viel langsamer! In Nidda besuchen wir noch Freunde und drehen auf dem dortigen Segelfluggelände mit unseren Flugmodellen noch die eine oder andere Runde – sozusagen zum „Abgewöhnen“!

 

Fazit:

Die Rhön und die Wasserkuppe sind eine Reise wert! Die Preise und das Wetter sind bundesdurchschnittlich, die „Flugschule Wasserkuppe“ sehr engagiert und eine gute ergänzende Möglichkeit der fliegerischen Ausbildung! Das Hotel „Peterchens Mondfahrt“ ist für Flieger in seiner jetzigen Form ein echter Nostalgietrip: einfach, freundlich und kostengünstig, man bekommt eine Ahnung was früher das Fliegen wirklich ausmachte! Einige von uns werden immer wieder gerne kommen – bis bald „Wasserkuppe“!

Autor: Hans-Jörg Rasp, Flugsportclub Wiesbaden „Maikäfer“; Copyright 2007


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